wie eine Perle entsteht

Ich bin bereits so häufig angesprochen worden mit der Frage: "Wie entsteht eine Perle?" oder "Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie Sie das Muster in das Glas bekommen.", dass ich an dieser Stelle versuchen werde, das Geheimnis zu lüften :))), zumindest ein wenig.

Glasperlenherstellung - Glasperlen wickeln - Glasperlen drehen - Glasperlendesign - Lampwork - Glasperlen drehen am Lampenfeuer..........oder ähnliche Begriffe werden für mein Hobby verwendet.
Die Bedeutung ist dieselbe, eine Glasperle entsteht.

Und da ich mich bei diesem umfangreichen Thema schwerlich kurz fassen kann, gibt es auch ein wenig Text und Hintergrundwissen dazu.

Am Anfang war das Glas....


Damit ich eine Perle "wickeln" kann, benötige ich erst einmal Glas.
Dieses Glas wird von verschiedenen Glashütten für uns Perlenmacherinnen und Perlenmacher in Stangen gezogen und in den verschiedensten Farben geliefert. Die Stangen sind ca. 2-5 mm dick, ca. 30 cm lang, haben einen Ausdehnungskoeffizienten von 104 (kurz AK 104, auch Weichglas genannt) und schmilzen bei einer Temperatur von 800-1000 Grad.

(Wer es noch genauer wissen möchte:
Fenster- und Flaschenglas ist Hartglas mit wesentlich höheren Schmelztemperaturen. Glas setzt sich aus drei Hauptbestandteilen zusammen: Quarzsand, Soda und Kalk, drei weiße Pulver, sowie Pottasche. Durch das Schmelzen dieser drei bzw. vier Bestandteile entsteht durchsichtiges Glas. Farbe erhält das Glas durch Färbemittel wie z.B. Metalloxide, Kupfer-, Eisen-, Chrom- oder Nickeloxid oder andere Feststoffe wie z.B. Schwefel.)

Ich verwende aus den verschiedensten Gründen italienisches Glas der Glashütte "Effetre", die ihren Sitz auf Murano hat, umgangssprachlich "Muranoglas" genannt.
Nicht jede Glashütte kann jede Farbe liefern, daher verwende ich selten und eher sparsam auch Gläser anderer Glashütten wie z.B. Lauscha (D-Thüringer Wald), Double Helix (USA-stark silberhaltig), Reichenbach (D-Reichenbach), CIM (USA-CreationIsMessy) oder Ornela (Tschechien-Nordböhmen).


Des weiteren benötige ich diverse unterschiedliche Metalldorne (Metallstäbe aus Edelstahl), die vorher in flüssiges Trennmittel getaucht werden. Danach lasse ich das Trennmittel mind. eine halbe Stunde trocknen.
Das Trennmittel ist wichtig, um die Perle später wieder vom Stab lösen zu können. Hätte man diese Trennmittelschicht nicht, würde das Glas eine untrennbare Verbindung mit dem Metall eingehen.

Was benötige ich noch, um endlich loslegen zu können?
- Meinen Brenner, es ist ein sogenannter Zweigasbrenner, ein Nortel Minor Bench, der mit Sauerstoff und Propangas betrieben wird.

- Eine feuerfeste Arbeitsumgebung nach deutschem Standard.
- Eine Didymium Schutzbrille. Der Schutz der Augen ist nicht nur für evtl. spritzende Glassplitter wichtig, sondern auch für die Strahlen die in der heißen Flamme entstehen (Sodium-Lichtblitz = helle Natriumflamme). Diese werden durch das Didymium bzw. ACE herausgefiltert.
- Eine Absauganlage, da beim schmilzen von Glas (besonders silberhaltiger Gläser) giftige Dämpfe frei werden.
- Werkzeuge wie z.B. Pinzette, Graphitpaddel, Poke, Messer und schön aber nicht zwingend notwenig sind Pressen oder Beadroller, mit denen ich das heiße Glas außer nur durch die Schwerkraft formen kann.
z.B. Beadroller zum rollen der heißen Perle in der Muldenform für eine perfekt runde Perle
- Einen Temperofen oder Vermiculit (Abkühlgranulat), dies sorgt dafür, dass die fertige heiße Glasperle langsam auskühlt. Tempern = langsames abkühlen, dadurch wird dem Glas die Spannung genommen. Würde man das heiße Glas an der Luft auskühlen lassen, würde die Perle platzen.
Durch das besonders langsame und sorgfältige abkühlen im Temperofen sind Perlen sehr widerstandsfähig und es kann eine lebenslange Haltbarkeit erreicht werden, was jahrtausendalte Perlenfunde bestätigen. Ich habe mir daher vorletztes Jahr einen kleinen Isichillin Ofen gegönnt.
- Für mich zwingend notwenig ist ein Arbeitsplatz, an dem alles greifbar nahe liegt. Manch einer möge behaupten, dies sei das Chaos pur, aber ich brauche das, besonders für neue Ideen. Außerdem liegt dort zwar viel herum, aber ich weiß haargenau, an welcher Stelle ich auch noch das kleinste Fitzelchen weißen Stringer finde (dazu später mehr).


Und jetzt kann es losgehen......



Ich halte vorsichtig die Spitze einer Glasstange in die Flamme, das Glas fängt an zu schmilzen und wenn es eine Konsistenz ähnlich wie Honig hat, kann ich anfangen, das Glas langsam um den Metallstab zu wickeln.

bei größeren Perlen erfolgt das Auftragen des Glases in mehreren Schritten
 


Dabei drehe ich den Dorn langsam in meiner linken Hand (ich bin Rechtshänderin) und führe den Glasstab mit der rechten Hand. Ist das Glas aufgetragen, erreiche ich mit etwas Übung, durch ständiges drehen des Dornes und unter Zuhilfenahme der Schwerkraft, dass die Perle rund wird und nicht kartoffelförmig. Wenn man zufrieden mit dem Aussehen der Perle ist, ab in den Ofen.

Aber es geht noch weiter, denn das war ja jetzt "nur" eine einfache einfarbige Perle.
Um Muster auf oder in die Perle zu bekommen, stelle ich mir vor Beginn des Perlen drehens aus Glas verschiedene Dekorationsmittel her, die hinterher in die heiße Perle eingearbeitet werden.

Um nur einige wenige zu nennen:

1. Stringer:
Die einfachste Form sind so genannte Stringer. Ein Stringer ist ein dünner Glasfaden.

im Bild zu sehen von oben nach unten: Pinzette, Metalldorn, Stringer, Glasstange blau
Ich erhitze die Spitze einer Glasstange durch ständiges drehen, bis eine runde Kugel ein "Blob" entsteht. Diesen Blob erfasse ich mit der Pinzette und ziehe das heiße Glas in die Länge zu einem Glasfaden, bis das Glas fest ist. Abknipsen, abkühlen lassen, fertig ist der Stringer.
Mit Stringern lassen sich Muster herstellen wie z.B. Punkte "Dots", gerade Linien oder durch verschnörkelte Linien "Stringermalerei" ganze Landschaften (die höhere Kunst).

2. Twister oder liebevoll Twisties:


Zwei oder mehrere Farben Glas werden um einen Metalldorn "Punti" gewickelt oder auch quer auf einen Glasstab aufgetragen (mehrere Wege führen hier nach Rom und es gibt auch die unterschiedlichsten Arten von Twisties), eingeschmolzen und durch ständiges drehen in die Länge gezogen bis das Glas kühler und härter wird und sich nicht mehr weiter ausziehen lässt.

3. Fritten (gröbere oder feinere Glasscherben):

Stücke einer Glasstange werden gemörsert, der heiße Glasblob wird in ein Glas Wasser gesteckt oder oder oder. Das Verfahren ist mir persönlich zu aufwändig, ich kaufe lieber bunte feine oder gröbere Fritten bei dem Glashändler meines Vertrauens.

4. Emaille (Glaspulver)
Fein geriebenes Glaspulver. Als Dekoration auf Perlen sieht Emaille sehr schön aus. Ich benutze es jedoch (außer für die Quallen) bisher am liebsten gar nicht, da der sehr feine Glasstaub nur unter den größten gesundheitlichen Sicherheitsmaßnahmen (Atemmaske) verarbeitet werden sollte. Sehr feiner Glasstaub kann sich in der Lunge absetzen und geht da auch nicht wieder weg.
Meine Gesundheit geht mir über alles und es gibt so viele andere schöne Techniken, dass ich von Emaille lieber die Finger weglasse.

5. Murrinis (bunte Glasstangen mit Muster):
Komplexere Muster lassen sich durch Murrinis erzeugen. Hierfür werden viele Schichten Glas zu  Mustern als "kurze dicke Wurst" gearbeitet, die hinterher zu einer Glasstange mit ca. 5-10 mm ausgezogen wird.
Hier halte ich gerade solch eine Murrinistange in der Hand von meinem mißratenen Schmetterlingsmurrini :)
(tja, Übung, Übung, Übung sind ist beim Glasperlen drehen das A und O). Auf Anhieb gelingt fast gar nichts.

Nachdem die Murrinistange abgekühlt ist, wird sie mit einer Glasschneidezange in sehr kleine Scheiben geschnitten, die danach vorgewärmt in die heiße Perle eingearbeitet werden können.
Das sieht dann ungefähr so aus:



 6. Blattgold, Blattsilber, Blattkupfer

7. Natron (zur Erzeugung von Luftbläschen in der Perle)

Dies war jetzt nur eine Auswahl an Dekorationsmöglichkeiten.

Weiter gehts.........

Es ist nicht ungewöhnlich, wenn die Anfertigung einer aufwändigen Perle eine, zwei oder drei Stunden (oder auch länger) dauert.

Wenn die Perle fertig ist, wird sie langsam über Stunden abgekühlt, das ist für mich die spannendste Zeit, denn das heiße Glas hat andere Farben als das erkaltete und es heißt für mich abwarten.

Ist die Perle erkaltet, wird der Dorn samt Perle in Spüliwasser eingeweicht, um das Trennmittel aufzuweichen, damit der Perle sich vom Dorn lösen lässt. Danach schleife ich mit einem Dremel den nassen Perlenkanal sauber und befreie ihn so vom Trennmittel.

Im Anschluss wird die fertige Perle zu Schmuck oder Accessoires weiterverarbeitet, aber das ist wieder ein Kapitel für sich, das ich mir erst aneignen musste.

So sieht eine gelungene aufwändigere 4 cm Perle nach 3 Stunden aus.....


Perlen drehen macht mich glücklich und so sehe ich am Brenner aus, wenn mir etwas gelungen ist......


Viele liebe Grüße
Isa






Kommentare:

  1. Isa, das ist eine tolle Erzählung, wie eine Glasperle entsteht. Ich durfte bei der lieben Butzebären-Bärbel auch schon einmal eine einfache, einfarbige Perle drehen. Daher weiß ich, wie schwierig es ist, mit beiden Händen die Flamme zu treffen, den Dorn ständig und gleichmäßig zu drehen und dann auch noch das Glas auf den Dorn aufzutragen. Und auf den richtigen Schmelzpunkt des Glases zu warten. Mir taten bereits nach einer kurzen Zeit meine Hände dermaßen weh und ich war fix und alle, weil ich mich so doll konzentriert habe.

    Und wenn ich dann so eine tolle bunte Glasperle mit mehreren Ebenen sehe, dann bin ich hin und weg.

    Auf die Farben wäre ich auch immer gespannt - geht uns Seifensiedern genau so: Am Ende ist die Farbe meistens anders. Aber glühendes Glas ist einfach nur rot, da kann man gar keine Farbe erkennen.

    Vielen lieben Dank für diesen Einblick!

    GLG
    Dagmar

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  2. Liebe Margot,danke dass wir dir über die Schulter schauen durften.Eins sehr schönes Hobby,ich bin immer total begeistert von deinen Künsten.
    Ich wünsche dir weiterhin gutes Gelingen.
    GLG Hannelore

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  3. Ich bin auf der Suche nach Maschenmarkierern auf deine Vögelchenmarkierer und damit auf deinen Blog gestoßen. Ich bin begeistert! Deine Perlen sind wunderschön, echte Kunstwerke, so detailiert und fein. Deine Erklärung zur Herstellung ist interessant, auch wenn ich mir nicht wirklich vorstellen kann, wie in der Praxis all diese diffizilen Muster in die Perle kommen. Auch deine gefilzten Ringtops finde ich sehr gelungen und werde mich sicher Stück für Stück durch deinen Blog lesen.
    Viele Grüße aus Schottland.
    (Mein Blog bei Blogger ist privat, aber ich habe einen öffentlichen bei wordpress https://clashnessiecrafts.wordpress.com/ - falls du Lust hast mal reinzuschauen.)

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